Keine Rede wert: Hörfunkrat verweigert Debatten

Petition

Eine eigene Sendung für Diskussionen der Hörerschaft soll es auf Deutschlandradio Kultur künftig nicht mehr geben. Hörerbeteiligung möchte der Sender in verschiedene Sendungen einstreuen, wenn sich das Thema dafür eignet. Das hat der Hörfunkrat des Deutschlandradios bei seiner Sitzung am Donnerstag (4. Dezember) in Berlin beschlossen.
Diese neue Vorgehensweise stellte die Vorsitzende des Programmausschusses beim Deutschlandradio in der Sitzung des Hörfunkrats vor. Nach ergänzenden Worten des Hörfunkrats-Vorsitzenden Frank Schildt wurde die Regelung ohne weitere Diskussion des Gremiums durchgewinkt. Der Bitte von Vertretern der Petition „Rettet 2254“, dazu zwei Minuten reden zu dürfen, verweigerte sich das Gremium mit Verweis auf seine selbst gegebene Satzung.
Damit hat der Hörfunkrat den Hörerinnen und Hörern endgültig eine Abfuhr erteilt. Gnädig wirft man ihnen ab und zu ein paar kleine Krümel hin, während man ihnen das tägliche Brot gleichzeitig verweigert. Dabei hatten 4.327 Menschen mit der Petition „rettet 2254“ die Wiedereinführung der nächtlichen Anrufsendung „Nachtgespräche am Telefon“ gefordert.
„2254“ war eine demokratische Diskussionssendung zu einem festgelegten Zeitpunkt sonntags bis freitags von 1.05 bis 2 Uhr. In dieser Sendung wurden unterschiedlichste Themen aus den Bereichen Kultur, Alltag und Politik behandelt. An ihre Stelle tritt nun ein undemokratischer Flickenteppich aus kulturbeflissenen Beruhigungspillen.
Als Beispiel für die neue Vorgehensweise nannten die Verantwortlichen die Sendung „Lesart“ am Montag (1. Dezember). Wie früher viele Jahre in der beliebten Call-In-Sendung „2254 Nachtgespräche am Telefon“ konnten Hörerinnen und Hörer dort beim Moderator Joachim Scholl anrufen und ihm Buchtipps für Weihnachtsgeschenke angeben. Die Anrufer wurden in die Sendung geschaltet und erläuterten dort ihre Vorschläge.
Auch in der Philosophie-Sendung von Deutschlandradio-Kultur werde es diese Möglichkeit gellegentlich geben, versprach Intendant Willi Steul bei der Hörfunkratssitzung. Ausgetestet hatte der Sender dieses Format auch bereits in der Sendung „Compressor“.
Politische Debatten der Hörerschaft in Radiosendungen hingegen wird man beim Deutschlandradio Kultur vermutlich nicht mehr erleben. Offenbar waren sie Verantwortlichen in entscheidenden Positionen der Politik ein Dorn im Auge.
Zudem gibt es keine verlässliche Festlegung, wann eine Sendung Hörerbeteiligung zulässt. Vielmehr wird das fallweise entschieden und der Hörerschaft höchstens kurz vor der jeweiligen Sendung mitgeteilt.
Außerdem werden diese Gelegenheiten im Programm verteilt sein. Wer mitreden will, muss also suchen und zusätzlich auch auf Draht und am Draht sein.
Vertröstet wurden die Hörerinnen und Hörer vom Hörfunkrat auf Kommentarfunktionen in den Blogs des Deutschlandradios sowie auf Facebook. Gleichzeitig beklagte Intendant Steul die rüde Art, mit der Hörer Sendungen dort oder in Mails kritisieren.
Genau dem steht das Telefonat aber entgegen. Hier kann der Moderator im Gespräch mäßigend auf die Anrufenden einwirken, falls das sich als nötig erweisen sollte. In den 22 Jahren „2254“ ist das dort aber fast nie notwendig geworden.

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8 Gedanken zu “Keine Rede wert: Hörfunkrat verweigert Debatten

  1. Klar: Gebühren kassieren und dann die Zahler mit ihren Meinungen aussperren. Was ist der Unterschied zwischen einem Rechts- und einem Unrechtsstaat? Demokratie war gestern … und ohne ordentliche Opposition wird sie das auch nicht wieder.

  2. Ich wollt auch noch sagen, dass die arbeitende Bevölkerung nicht unbedingt vormittags anrufen kann….. Zu den Äusserungen vom Intendanten ( rüde Art auf Facebook) kann ich nur sagen….. man sollte sich halt das Medium aussuchen in welchem man diskutieren möchte:-) Übrigens wer etwas kritisches auf Facebook postet wird vom DLF gesperrt! „Demokratur“ pur, ein Schelm wer Böses dabei denkt!

  3. Über Sitzungen gemäß Satzung mit Öffentlichkeit…. Mein Eindruck als Teilnehmer

    Wer solche Sitzungen besucht, kann eigentlich auch gleich grußlos im Keller ver-
    schwinden. Der Erkenntnisgewinn ist leider vergleichbar.
    Bei notwendigen Entscheidungen wird in der Regel ohne Diskussion abgestimmt. Die mir
    bekannten Satzungen sehen ein Rederecht der Öffentlichkeit nicht vor. Manchmal
    ermöglichen Sitzungsleiter der Öffentlichkeit, Fragen an die geladenden Sitzungs-
    teilnehmer vor !! Beginn der eigentlichen Sitzung zu stellen.

    Typische Beispiele sind

    mit Befragung: Begrüssungsschilder am Ortseingang, Farbe oder Form
    ohne Befragung: Bebauungsplan, Windenergie, Haushaltsvorlage

    Die Entscheidungsfindung und Mehrheitsbildung sind bei ( 2 ) häufig vorher abgesprochen.
    Direkte Beteiligung, Offenheit und Transparenz wird in Beispiel ( 2 ) bewusst ausgeschaltet.

    Mfg
    Herbie

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